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MI | 11.04.2012
Karsten Krampitz, der neue Stadtschreiber von Klagenfurt (Bild: Stadtpresse Klagenfurt)
KULTUR
Karsten Krampitz geht - Eine Bilanz
Vor fünf Monaten ist Karsten Krampitz von Berlin nach Klagenfurt gezogen. Nach einer "Pause" von 15 Jahren war er Klagenfurts erster Stadtschreiber seit Robert Schindel 1996. Jetzt verlässt Krampitz Kärnten wieder Richtung Berlin. Eine Bilanz.
Der Mann, der sich das "Gästebuch" ausborgte
Karsten Krampitz geht. Vor ihm hat es keinen Stadtschreiber so lange in der Landeshauptstadt gehalten, kein Autor sorgte zuvor für so großes Aufsehen und mediales Interesse. Er war der Mann, der sich das Gästebuch aus der Haider-Ausstellung "ausborgte", um die Eintragungen der Ausstellungsbesucher für eine Literaturzeitung zu verarbeiten. Seine Intention dabei - natürlich eine hochliterarische.

Krampitz: "Ja, das glaubt nur keiner. Ich hatte von der Literaturzeitung 'Volltext' den Auftrag: Schreib was über Klagenfurt. Es war die Rettung, als ich in der Ausstellung das Büchlein gesehen habe, denn da sind die Kärntner authentisch. Wirklich repräsentativ ist es ja nicht, aber schon allein die leeren Seiten sagen mehr aus, als alles andere".
"Sind wir nicht alle irgendwie Haider?"
Nach wenigen Tagen war das ausgeborgte Gästebuch wieder da, der Unmut der Politik hielt sich in Grenzen - auch wenn sich Krampitz in seiner "Buchrezension" kein Blatt vor den Mund nahm und u.a. die Frage stellte: "Sind wir nicht alle irgendwie Haider? War und ist nicht das ganze Land besoffen?"
Krampitz "rezensierte" Haider-Gästebuch
"Für einige Tage war der Band verschwunden und halb Kärnten in heller Aufregung: 'Wer tut so etwas?' Den Kritiker aber wundert: Wer schreibt so etwas? Was unter dem Titel 'Gästebuch' daherkommt, zeitgleich zur Ausstellung im Klagenfurter Bergbaumuseum, enttäuscht doch ein wenig, vor allem in der Form." [...]

"Stattdessen finden wir ein Gewirr von Stimmen vor, ein Durcheinander von 112 Erzählern, die nichts wesentliches zu sagen haben, aber offenbar die Tinte nicht halten konnten: 'Danke Jörg!'; 'Jörg, du warst einfach super!'; 'Ich vermisse dich!'; 'Unfassbar, dass du nicht mehr da bist.' Und nicht zu vergessen: 'Hallo Jörg, wir waren hier! (…) Alles Gute, wo immer du auch bist.'
"Hätten wir Partisanen gehabt..."
In seiner Klagenfurter Zeit war Krampitz alles andere als untätig: Neben zwei Buchprojekten lernte er Land und Leute besser kennen, ganz im Sinne von Egon Erwin Kisch: "Der hat das ja mal gesagt, dass ein guter Schriftsteller immer ein Stück weit mit den Menschen mitlebt, über die er schreibt - das gehört dazu".

Soviel "Herzlichkeit" wie in Kärnten gebe es in Berlin nicht - trotzdem sei manchen Landsleuten in Hinblick auf das sogenannte "Ortstafelproblem" oder die zweite Landessprache "mangelndes Geschichtsbewusstsein" zu attestieren.

Und Krampitz weiß, wovon er spricht - ist er von Beruf doch nicht nur Schriftsteller, sondern auch Historiker, der, ganz "Berliner Schnauze" meint: "Hätten wir in Deutschland Partisanen gehabt, die gegen Hitler gekämpft hätten, wir würden ihnen heute den Hintern küssen".
Kärnten - "da sind ganz viele Wunden"
Neben einem "Crash-Kurs Kärnten", der bald im Heyn-Verlag erscheinen wird, schlägt der Autor aber auch stillere Töne an. In seiner Klagenfurter Zeit ist das Buch "Leben mit und ohne Gott" entstanden, das Essays von Atheisten und Gläubigen enthält. Krampitz Beitrag "Im Nachtasyl. Ein Selbstversuch" entstand, nachdem der Atheist eine Nacht in einer Massennotunterkunft auf dem Berliner Hauptbahnhof verbrachte.

Eines von vielen Resümees, die Krampitz nach fünf Monaten Aufenthalt in Kärnten zieht: "Da sind ganz viele Wunden - und bevor die heilen, müssen sie sauber gemacht werden. Als Historiker sage ich, dass da eine Aufarbeitung erfolgen muss. Dazu gehört aber auch, dass man bestimmten Leuten die Geschichte nicht überlässt".
Krampitz: "Ich weiß, was ich da gesehen habe".
Die "Glatzen" beim Ulrichsbergtreffen
Ein "Linksradikaler" ist der Autor seinem Selbstverständnis nach nicht. Als er sich aber interessehalber zum Ulrichsbergtreffen an den Herzogstuhl begab, wurde er dort gleich dreimal ohne besonderen Grund zum Gehen aufgefordert. Krampitz blieb sitzen - und stellte am nächsten Tag in einer Kärntner Tageszeitung fest, das Festzelt sei voller Nazis gewesen.

Krampitz: "Ich weiß, was ich da gesehen habe: Dass das Zelt voll war mit Glatzen, die Thor-Steiner-Klamotten getragen haben, ich weiß, wie diese Leute mich angeschaut haben und dass ich in einem fort fotografiert wurde - diese Form von Bedrohung kennt man ja: Hier, wir haben dich fotografiert, wir haben dein Bild, wir stellen das auf die Internetseite und wissen, wo du wohnst - diese Spielchen kenne wir doch alle".
Letzter Krampitz-Auftritt in der Landeshauptstadt ohne Politik.
Politik reagierte auf "Nazisager" verstimmt
Die Politik reagierte auf Krampitz medialen "Nazisager" verstimmt. Als der Stadtschreiber in dieser Woche seinen letzten offiziellen Termin absolvierte und im Jazzclub Kammerlichtspiele das literarische Ergebnis seines Kärnten-Aufenthaltes vorstellte, blieb die Stadtpolitik der Veranstaltung fern.

Stattdessen hätte der Bürgermeister eine schriftliche Stellungnahme von ihm verlangt, so Krampitz - der eine "Entschuldigung" strikt ablehnt - und damit auch einen Schlusspunkt unter die fünfte Ausgabe der Klagenfurter "Stadtschreiberei" gesetzt hat.
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