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MI | 11.04.2012
Schatten der Gitterstäbe
GERICHT
Justizirrtum: Psychiater sieht keine Schuld
Ein Pensionist war mehr als ein Jahr lang in Haft, weil er seine Stiefenkelin missbraucht haben soll. Auch der Vater des Mädchens war zwei Jahre unschuldig im Gefängnis. Der Gutachter, Psychiater Max Friedrich, sieht bei sich keine Schuld.
Verfahren nach sieben Jahren eingestellt.
Gutachten als Grundlage
Das Mädchen war zum vermuteten Tatzeitraum dreieinhalb Jahre alt. Grundlage für beide Schuldsprüche war ein Gutachten des bekannten Kinder- und Jugendpsychiaters Max Friedrich. Nach sieben Jahren, wurde das Verfahren nun eingestellt. Beim Landesgericht sprach man von einem "bedauerlichen Irrtum".

Zwei renommierte Sachverständige aus Deutschland übten zuletzt an der Expertise von Max Friedrich massive Kritik.
Friedrich ist sich keiner Schuld bewusst.
Stellungnahme von Friedrich
Friedrich ist sich nach den beiden Fällen von Justizirrtum auf Basis seines Gutachtens über einen angeblichen sexuellen Missbrauch keiner Schuld bewusst. Er habe seine Aufgabe gegenüber dem Gericht erfüllt, sagte Friedrich in einem Telefonat mit dem ORF. Vor die Kamera wollte der Gutachter nicht.

Die Sachverständigen warfen Friedrich suggestive Fragestellungen gegenüber dem Mädchen vor. Die Kritik seiner Gutachter-Kollegen aus Deutschland verstehe er, so Friedrich. Aber die Rechtsordnungen der beiden Länder seien unterschiedlich. In Deutschland sei die Glaubwürdigkeit vom Gutachter zu beurteilen, in Österreich aber vom Gericht, sagte Friedrich.
Friedrich im Moment nicht am Landesgericht beschäftigt.
Richter entscheidet über Wahl des Gutachters
Dass in diesem Fall zwei Männer unschuldig in Haft gesessen seien, sei bedauerlich, sagte der Vizepräsident des Landesgerichts, Bernd Lutschounig.

In Fällen von Kindesmissbrauch entscheidet ein Schöffengericht - also zwei Berufsrichter und zwei Laien gemeinsam. Doch je jünger das mögliche Missbrauchsopfer ist, desto größer der Einfluss des Gutachtens. Wer als Gutachter ausgewählt wird, obliegt allein dem Richter.

Bis vor einigen Jahren sei Friedrich als Gerichtsgutachter noch österreichweit tätig gewesen, sagte Lutschounig. Aktuell sei Friedrich aber am Landesgericht Klagenfurt nicht als Sachverständiger beschäftigt.
Werden weitere Fälle aufgerollt?
Der Anwalt des Stiefgroßvaters kämpft nun um Haftentschädigung für seinen Mandanten.
Ob weitere Prozesse mit Max Friedrich als Gutachter aufgerollt werden, hängt von Anträgen der Betroffenen oder der Staatsanwaltschaft ab.
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