Kärnten ORF.at
MI | 11.04.2012
Justiz (Bild: ORF/G.H.)
JUSTIZ
Pensionist saß ein Jahr unschuldig in Haft
Ein 68-jähriger St. Veiter ist über ein Jahr unschuldig in Haft gesessen. Er war wegen sexuellen Missbrauchs seiner Stiefenkelin verurteilt worden, jetzt wurde das Verfahren eingestellt. Auch der Vater des Mädchens war 22 Monate unschuldig inhaftiert.
Zahlreiche Wiederaufnahmeklagen
Nach psychiatrischem Gutachten verurteilt
Der 68-jährige Pensionist des Mädchens war nach einem Gutachten des Psychiaters Max Friedrich im Februar 2003 zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Dem Mann wurde vorgeworfen, ein dreieinhalb Jahre altes Mädchen - die Enkeltochter seiner Lebensgefährtin - sexuell missbraucht zu haben. Obwohl es zahlreiche Gegengutachten gab, hat das Verfahren sieben Jahre gedauert.

Wegen Krankheit und zahlreicher Wiederaufnahmeklagen musste der Pensionist erst im Juli 2009 seine Haft antreten. Laut Gegengutachten soll dem Kind der sexuelle Missbrauch eingeredet worden sein.

Mitte August stimmte dann ein Grazer Richter der Wiederaufnahme des Verfahrens zu, der Pensionist wurde entlassen. Eine Woche später stellte die Staaatsanwaltschaft das Verfahren gänzlich ein.
2007 nach fast zwei Jahren Haft freigesprochen
Auch Vater des Mädchens unschuldig in Haft
2002 haben sich die Eltern des Mädchens getrennt, dabei kam der Verdacht auf, jemand hätte das gemeinsame Kind sexuell missbraucht. Das Mädchen wurde vom Starpsychiater Max Friedrich befragt.

Das Gutachten von Friedrich war auch Basis für das Urteil gegen den 36-jährigen Vater des Mädchens. Er befand sich 22 Monate in Haft, wurde aber 2007 nach einer Wiederaufnahme des Verfahrens freigesprochen. Er erhielt später eine Haftentschädigung von 120.000 Euro.
Anwalt: "Verfälschte Befragung"
2002 haben sich die Eltern des Mädchens getrennt, dabei kam der Verdacht auf, jemand hätte das gemeinsame Kind sexuell missbraucht. Das Mädchen wurde vom Starpsychiater Max Friedrich befragt.

Sein Gutachten war damals eindeutig, erzählt der Anwalt des Stiefgroßvaters, der St. Veiter Strafverteidiger Paul Wolf. Friedrich sei zu der Auffassung gekommen, dass das Kind trotz vieler widersprüchlicher Aussagen tatsächlich Erlebtes wiedergibt. Gesamt sei die Befragung durch eine Psychiaterin und den Gerichtsgutachter "mangelhaft und verfälscht" gewesen, sagte Wolf im ORF-Interview.
Staatsanwaltschaft ließ
Anklage fallen
Zwei eindeutige Gegengutachten
Der 68 Jahre alte Mann musste, trotz zahlreicher Versuche das Verfahren neu aufzurollen und trotz hochkarätiger Experten aus Deutschland, die das Friedrich-Gutachten widerlegten, in Haft. Wolf: "Zwei Sachverständige haben unisono gesagt, dass die Verurteilung nicht geschehen hätte dürfen und dass mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Missbrauch vorliegt."

Wolf gab nicht auf und der letzte Schritt, der Weg zur Generalprokuratur, war schließlich erfolgreich. Rasch gab es ein Wiederaufnahmeverfahren, gleichzeitig ließ die Staatsanwaltschaft die Anklage fallen.
Entschädigung wird gefordert
Für die siebenjährige Verfahrensdauer, Ungewissheit, Prozesse und monatelange Haft setzt sich Anwalt Wolf jetzt für eine Entschädigung ein: "Das Zermürbende für meinen Klienten war, dass die Aufforderung zum Strafantritt von heute auf morgen erfolgen konnte und dass das Wiederaufnahmeverfahren so lange gedauert hat. Und schließlich ist er über ein Jahr zu Unrecht inhaft gewesen."

Vor zwei Jahren, als der unschuldig inhaftierte Vater des Mädchens frei gekommen ist, hat der Psychiater Max Friedrich vehement dementiert, dass sein damaliges Gutachten schlampig gemacht worden sei. Vom Landesgericht Klagenfurt gab es am Samstag auf ORF-Anfrage keine Stellungnahme zu dem Fall.
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