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MI | 11.04.2012
Landesgericht Klagenfurt (Bild: ORF)
PROZESS
Alkoholfahne: Pflichtverteidiger "indisponiert"
Ein Prozess wegen Kindesmisshandlung ist am Montagvormittag am Landesgericht Klagenfurt vertagt worden: Der Pflichtverteidiger des Beschuldigten war "körperlich indisponiert". So umschrieb der Richter eine Alkoholfahne.
Kind musste vom Boden essen.
Kleinen Stiefsohn gequält und misshandelt
Vor Gericht stand ein 43 Jahre alter Mann aus Hermagor. Er wird beschuldigt, vier Jahre lang seinen Stiefsohn körperlich und seelisch gequält zu haben. Das Kind war zu Beginn der Misshandlungen fünf Jahre alt, mit neun Jahren flog sein Martyrium auf.

Der Beschuldigte ist geständig, den Buben geschlagen zu haben. Er soll ihn zumindest in einem Fall schwer verletzt haben. Laut Aussagen des Buben soll er ihn einmal gezwungen haben, sein eigenes Blut aufzuwischen sowie sein Essen vom Boden zu essen, bis das Kind erbrach.

Der Stiefvater rechtfertigt sich damit, er sei wohl etwas zu streng in der Erziehung gewesen.
Schule erstattete Anzeige.
Schule: Bub hielt zwei Zähne in der Hand
Bevor der Prozess vertagt wurde, kam der Schulleiter zu Wort. Er sagte, erst zum Schluss sei in der Schule aufgefallen, dass das Kind misshandelt wird. Denn der Bub kam mit einem angeschwollenen Gesicht, einer aufgeplatzten Lippe und zwei herausgefallenen Zähnen in der Hand in den Unterricht.

Er verriet seinen Stiefvater aber nicht, sondern sagte, er sei hingefallen. Doch die Schule meldete den Vorfall den Behörden, danach wurde das Strafverfahren eingeleitet.
Bub dürfte bleibende Schäden zurückbehalten.
Gutachter: "Selten solche Brutalität gesehen"
Auch ein Gutachter kam zu Wort: Er sei schockiert, er habe selten so eine Brutalität gesehen. Der Bub leide unter einer Entwicklungsstörung, einige der Symptome dafür seien, dass er immer noch einnässe und stottere. Schwere Dauerfolgen durch die Misshandlung seien zu erwarten.

Daraufhin war der Staatsanwalt am Wort, er weitete die Anklage aus auf Köperverletzung mit schweren Dauerfolgen aus. Strafmaß: sechs Monate bis fünf Jahre.
Verteidiger verneinte Alkoholisierung.
Pflichtverteidiger schlief ein
Dann kam es zum Eklat. Weil der Pflichtverteidiger überhaupt nicht auf die Ausweitung der Anklage reagierte, während der Verhandlung immer wieder eingenickt sein dürfte und nur beeinträchtigte Wortmeldungen von sich gab, unterbrach Richter Christian Liebhauser Karl die Verhandlung.

Er fragte den Pflichtverteidiger, ob er alkoholisert sei. Dieser verneinte undeutlich. Der Richter setzte nach und sagte, er orte seit Beginn der Verhandlung eine Alkoholfahne. Wieder verneinte der Pflichtverteidiger, stand auf und verließ den Verhandlungssaal.
Medienvertreter bestätigten Alkoholfahne.
Disziplinarverfahren droht
Der Richter protokollierte, dass die Verhandlung vertagt werden müsse, weil der Pflichtverteidiger seinen Aufgaben nicht nachkommen konnte. In seiner langjährigen beruflichen Laufbahn habe er so etwas noch nie erlebt, sagte Liebhauser Karl.

Der Richter ließ sich die Alkoholfahne auch von den Medienvertretern bezeugen. Er wird den Vorfall melden. Laut Auskunft der Rechtsanwaltskammer muss der Pflichtverteidiger mit einem Disziplinarverfahren rechnen. Im schlimmsten Fall mit dem Verlust der Zulassung.

Der Angeklagte in dem vertagten Prozess wird wohl einen neuen Pflichtverteidiger bekommen.
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