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MI | 11.04.2012
Josef Winkler (Bild: ORF)
auszeichnung
"Sauhund" und Poet aus dem "wilden Kärnten"
Josef Winkler hat schon viele Auszeichnungen bekommen. Der Büchner-Preis ist für ihn die bisher größte Anerkennung für den Versuch, Provinzialität und Katholizismus zu verarbeiten. Für den Vater war er ein "Sauhund", weil er schrieb.
Schmerzhafter Abnabelungsprozess, der sich durch sein Werk zieht.
Eigenes Aufwachsen als Stoff
Vom Verleger-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 1979 bis zum renommierten spanischen Premio Lateral 2005 reicht Winklers breite Palette an Würdigungen. Der Büchner-Preis, der dem 55-jährigen Kärntner am Dienstag zuerkannt wurde, ist die bisher größte Anerkennung für den Bauernsohn aus Kamering, der schreibend versuchte, der Provinzialität und dem Katholizismus seines Dorfes zu entkommen.

Sein eigenes Aufwachsen habe ihm "einen ungeheuerlichen Stoff gegeben", meint Winkler heute. Der schmerzhafte Abnabelungsprozess zieht sich durch sein Werk, das auch in fernen Weltgegenden auf ähnliche Strukturen und Traditionen wie in der Heimat stieß.
"Vom Misthaufen zu Suhrkamp"
Seine literarische Karriere begann der am 3. März 1953 Geborene, der zunächst verschiedene Berufe bekleidete, mit dem 1979 erschienenen Roman "Menschenkind". Dass ihm bereits mit seinem Debüt der Sprung "vom Misthaufen zu Suhrkamp" gelang, verdankt Winkler Martin Walser, der damals das Manuskript an den renommierten deutschen Verlag empfahl. Dem Suhrkamp Verlag ist Winkler bis heute treu geblieben.

Gemeinsam mit den folgenden Büchern "Der Ackermann aus Kärnten" und "Muttersprache" gelang Winkler mit dieser "Das wilde Kärnten" genannten Trilogie nicht nur eine bemerkenswerte literarische Auseinandersetzung mit den Gespenstern und Schrecken seiner Kindheit - die bis zum bisher letzten Buch "Roppongi. Requiem für einen Vater" fortdauerte -, sondern auch die Möglichkeit, ab 1982 als freier Schriftsteller seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.
Für den Vater war Josef ein Sauhund, der Schande über die Familie und das Dorf brachte, weil er schrieb.
Vater titulierte ihn als "Sauhund"
Nicht nur für seinen Vater war Josef Winkler zunächst der "Sauhund", der mit seinem nichts beschönigenden Schreiben vermeintlich Schande über die Familie und das Dorf brachte. Für die Leser war Winklers von detailreichen Beschreibungen und mächtigen Bildern geprägte Sprache zwischen Alltag und Apokalypse jedoch eine Bereicherung.

Persönlicher Schmerz, allgemeingültige Erfahrungen in einer zutiefst katholisch geprägten Gesellschaft und die Auseinandersetzung mit den "letzten Dingen" zwischen Tod und Leben, Himmel und Erde verbanden sich zu Büchern, die so poetisch wie realistisch, so faszinierend wie irritierend zugleich wirkten und sich rasch vom Stallgeruch der "kritischen Heimatliteratur" befreiten.
Lehrbeauftragter der Uni Klagenfurt
Dass Winkler, der heute mit seiner Frau, seinem zwölfjährigen Sohn und seiner fünfjährigen Tochter in Klagenfurt lebt und Lehrbeauftragter der Universität der Kärntner Landeshauptstadt ist, auch bei seinen zahlreichen Reisen und Auslandsaufenthalten von Rom über Benares bis Tokio vor allem von transzendentalen Erfahrungen angezogen wurde, mag bei einem, der acht Jahre lang Ministrant war, nicht wirklich verwundern.

Allein in Indien, wo seine Frau vier Jahre ihrer Kindheit verbracht hat, war er bereits neunmal. Ob es sich um Leichenverbrennungen am Ufer des Ganges ("Domra" u. a.) oder das bunte Treiben auf einem römischen Markt ("Natura morte", der Komponist Dieter Kaufmann machte später daraus das Musiktheater "Requiem für Piccoletto") handelt, immer werden Lebensfreude und Todeserfahrung, Blüte und Verwesung mit allen Sinnen erfahrbar.
Am liebsten Bücher, die man erobern muss
Dennoch lässt sich Winklers Bekenntnis, am liebsten lese er jene Bücher, "die ich mühsam entziffern, Satz für Satz erobern muss", durchaus auch auf sein eigenes Schreiben anwenden.

"Ich habe nie für ein Massenpublikum geschrieben", bekennt der Autor, durch dessen Werk Jesus Christus wie Karl May, Jean Genet wie Hans Henny Jahn als Wegweiser dienen können und dessen mitunter halsbrecherisch wirkende Endlossätze den Leser immer wieder in Absturzgefahr bringen.

"Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot" soll sein neues, im September erscheinendes Buch heißen. "Das werden poetologische Reportagen", so Winkler, "die sehr viel mit Reisen zu tun haben." Im Oktober soll Michael Pfeifenbergers Film-Dokumentation über den Autor in die Kinos kommen. Und am 1. November folgt in Darmstadt die Verleihung des Büchner-Preises. Noch vor Sommerbeginn steht fest: Es wird ein schöner Herbst für Josef Winkler.
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