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MI | 11.04.2012
Dietmar Pflegerl 2005 (Bild: APA/Harald Schneider)
STADTTHEATER KLAGENFURT
Dietmar Pflegerl ist tot
Dietmar Pflegerl, 15 Jahre lang Intendant des Klagenfurter Stadttheaters, ist am Donnerstag im 64. Lebensjahr in Klagenfurt gestorben. Pflegerl verlor den Kampf gegen sein schweres Krebsleiden, den er seit dem Jahr 2002 mit großem Optimismus geführt hatte.
Ein Leben für das Theater
Dietmar Pflegerl hatte das Theater in der Kärntner Landeshauptstadt in seiner Ära modernisiert und zu einer international anerkannten Bühne gemacht. Nach anfänglichen Protesten gegen seinen neuen Theaterstil gelang es ihm, das Kärntner Publikum zu erobern.

Über Jahre hinweg schaffte er Jahresauslastungen jenseits der 90 Prozent, obwohl er immer wieder auch kontroversielle Stücke auf den Spielplan setzte.
Verleihung des Nestroy-Preises 2006
Dietmar_Pflegerl_mit-Peter_Turrini (Bild: APA)
Einer der letzten öffentlichen Auftritte des Stadttheater-Intendanten: Am 25. November 2006 wurde Pflegerl in Wien der Nestroy Preis verliehen. Autor Peter Turrini gratulierte dem langjährigen Freund und Weggefährten. Ihr größter gemeinsamer Erfolg war die Realisierung des Stücks "Bei Einbruch der Dunkelheit" über das Leben am Maria Saaler "Tonhof" Gerhard Lampersbergs: "Bei Einbruch der Dunkelheit" sorgte in der Saison 2005/06 für ein volles Theaterhaus.
Aufsehen erregende Premieren und Konflikte
In der Kärntner Landeshauptstadt sorgte Pflegerl für Aufsehen erregende Premieren ebenso wie für politische Konflikte. Die Inszenierung des Kärntners Martin Kusej von "Kabale und Liebe" löste 1993 einen veritablen Eklat aus, manche Zuschauer - aus der Ära Wochinz "schöne" Aufführungen gewohnt - schworen damals gar, das Haus nicht mehr zu betreten, so lange Pflegerl das Zepter schwinge.

"In der Rückschau war das der beste Theaterabend, den es in Klagenfurt je gegeben hat", meinte Pflegerl ein Jahrzehnt später. Damit sei eine neue Theatersprache geschaffen worden, "mit der Kusej heute weltweit anerkannt ist".
"Das Publikum hat sich gewandelt", konstatierte Pflegerl nicht ohne Befriedigung.
Trotz heftiger Proteste blieb Pflegerl sich treu
Der Intendant ließ sich trotz heftiger Proteste von seinem Weg nicht abbringen, und gewann mittelfristig nicht nur neues Publikum für das Theater, auch das "alte" kehrte zurück. Bestes Beispiel:

Als Kusej 2002 in Klagenfurt Christopher Marlowes "Edward II" inszenierte, war von Skandal keine Rede mehr. "Das Publikum hat sich gewandelt", konstatierte Pflegerl nicht ohne Befriedigung.
Viele Siege, einige Niederlagen
Es gab aber auch Niederlagen, der größte Flop war wohl "Liebe und Anarchie", das in der ersten Spielzeit Pflegerls eine Woche vor der Premiere aus künstlerischen Gründen abgesetzt werden musste. Drei Millionen Schilling setzte der Intendant damit in den Sand, überstand diese Krise jedoch, wohl auch auf Grund des großen Erfolgs der anderen Produktionen.

In den letzten Jahren seiner Arbeit gelang es ihm, gleich zwei Uraufführungen von Peter Turrini nach Klagenfurt zu holen. "Bei Einbruch der Dunkelheit" wurde das erfolgreichste Stück der Spielzeit 2005/2006 und erreichte eine Auslastung von 98,7 Prozent.
Pflegerl wurde wegen des Seebühnen-Musicals "Evita" fälschlich der "Untreue" beschuldigt.
Ein harter Schlag: Anzeige wegen "Untreue"
Persönlich weit härter getroffen war der Theaterfanatiker allerdings durch eine anonyme Strafanzeige. Darin wurde ihm im Zusammenhang mit der Stadttheater-Produktion des Musicals "Evita" für die Seebühne Veruntreuung vorgeworfen, zu Unrecht, wie sich bald herausstellte.
Kritik: Den "Mini-Peymann" brauche man in Kärnten nicht.
Häufige Konflikte mit der Landespolitik
Nicht ohne gewisses Vergnügen trug er hingegen seine Konflikte mit der Politik aus. Schon ein Jahr nach seinem Amtsantritt forderte die damalige FPÖ die Abberufung des "Aktionisten und Parteigängers der Sozialisten". 1995 wurde er als "Mini-Peymann" tituliert, den man in Kärnten nicht brauche.

1998 schlug sich Pflegerl bei der Kampagne der FPÖ gegen den Kärntner Künstler Cornelius Kolig öffentlich auf dessen Seite. Kolig wurde zur Wiedereröffnung des renovierten Theaters eingeladen, die Freiheitlichen waren verärgert.

Der Zweite Landtagspräsident Jörg Freunschlag (BZÖ) meinte, Pflegerl begehe mit der Gestaltung des Tages der offenen Tür "Vertragsbruch". So ging es munter fort, Pflegerl verkündete, Haider werde 2004 abgewählt werden - ein Irrtum, wie sich herausstellte.
Schwere Krebserkrankung seit 2002.
Optimismus und Lebensfreude bis zuletzt
In den vergangenen zwei Jahren gab es keine Skandale und Auseinandersetzungen mehr. Das hatte einerseits mit dem Vertragsende im Sommer 2007 zu tun, andererseits aber sicher auch mit der schweren Erkrankung Pflegerls, mit der er 2002 konfrontiert wurde.

Vergangenes Jahr meinte er noch hoffnungsfroh, er habe "eine wesentliche Schlacht gegen den Krebs" gewonnen.

Sein Optimismus war bis zuletzt schier grenzenlos, so hatte er für die diesjährige Spielsaison noch selbst einige Regiearbeiten geplant. Tschechows "Onkel Wanja" im Jänner machte er auch noch selbst, obwohl er bereits schwer gezeichnet war, die Inszenierung von "King Lear" wenig später konnte er nicht mehr realisieren.

Pflegerl hinterlässt seinem Nachfolger Josef Köpplinger ein gut bestelltes Haus. In der Kärntner Theaterszene hinterlässt er eine große Lücke. Pflegerl hinterlässt seine Frau und seine 16-jährige Tochter.
Ex-Kunststaatssekretär Morak: "Aufrechter Theatermann, der für seine Überzeugungen lebte".
Politiker zeigten sich tief getroffen
Der Tod des Intendanten löste bei Politikern auf Bundes- und Landesebene Reaktionen aus. Der frühere Kunststaatssekretär und jetzige ÖVP-Kultursprecher Franz Morak zeigte sich tief betroffen.

"Mit Dietmar Pflegerl ist ein unentwegter und aufrechter Theatermann von uns gegangen, einer, der für seine politische Überzeugung und für sein Theater lebte", so Morak.
Glawischnig: Pflegerl bot Mächtigen die Stirn
"Mit seinem Tod verliert Österreich und seine Heimat Kärnten einen beeindruckenden Menschen", so Eva Glawischnig, stellvertretende Bundessprecherin der Grünen. Die Grüne würdigte auch den "politischen Menschen" Pflegerl, der sich nicht gescheut habe, "den Mächtigen, insbesondere Landeshauptmann Haider, in Kärnten die Stirn zu bieten".
LH Haider: "Würdigung trotz Differenzen"
Kärntens Landeshauptmann und Kulturreferent Jörg Haider (BZÖ) erklärte in einer Aussendung, Kärnten habe einen "großen Theatermacher" verloren.

Haider sprach auch das gespannte Verhältnis zwischen ihm und dem Intendanten an: Die Würdigung der Leistungen Pflegerls erfolge unabhängig von den vielen persönlichen Konflikten und politischen Differenzen. Pflegerl habe vor allem im Bereich des Musiktheaters herausragende künstlerische Leistungen erbracht.

SPÖ-Vorsitzende Gaby Schaunig würdigte Pflegerl als "großen Kunstschaffenden mit Rückgrat. Der letzte Vorhang ist gefallen, Kärnten hat einen großen Künstler verloren."

Wie Haider sprach auch die SPÖ-Chefin der Familie des Verstorbenen ihre Anteilnahme aus.
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