Kärnten ORF.at
MI | 11.04.2012
Landesgericht Klagenfurt (Bild: ORF/Anton Wieser)
Kriminalfall Wurst
Vom Unfalltod zum Mord
Der Fall Franz Wurst war zweifellos der aufsehenerregendste Kriminalfall der Nachkriegszeit in Kärnten. Was mit einem vermeintlich tragischen Unfalltod der Ehefrau begann, stellte sich als kaltblütiger Mord heraus.
Tiefer Fall in gesellschaftliche Verachtung
Der Fall hat alle Ingredienzien für ein Filmdrehbuch. Es ist der tiefe Fall eines gesellschaftlich unantastbaren Arztes, einer allseits hofierten Kapazität in bodenlose gesellschaftliche Verachtung.
Libretto zu Fall Wurst
Der Fall Wurst wurde sogar Stoff für eine Oper, die für eine Aufführung bei den Salzburger Festspielen im Jahr 2009 gedacht war, mit einem Libretto der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Aber seither ist es still geworden um diese Pläne.
Nur ein blutverschmiertes Tuch, das die Polizei im Haus fand, warf Fragen auf
"Ein unglücklicher Sturz über die Treppe"
Begonnen hat alles mit dem tödlichen "Sturz" der Kindergartenpädagogin Hilde Wurst über die Treppe der Villa im Haus des Ehepaares in Pörtschach am Wörther See am 8. Dezember 2000.

Der pensionierte Primarius, er war damals 78 Jahre alt, erfüllte die Erwartungen an einen trauernden Hinterbliebenen. Nur ein blutverschmiertes Tuch, das die Polizei im Haus fand, warf Fragen auf.
Hilde Wurst war ihrem Ehemann und ihrem Patenkind im Weg
Patenkind verwickelte sich in Widersprüche
Die Antwort erhielten die Beamten von einem jungen Burschen, der in der Villa ein und aus gegangen war: Thomas Haindl, ein Patenkind des Professors.

Nachdem er sich in Widersprüche verwickelt hatte, gab er zu, Hilde Wurst erstickt zu haben. Sie sei im Weg gestanden, so seine Begründung.

Die Ermittlungen ergaben, dass Hilde Wurst nicht nur dem Burschen, sondern vor allem ihrem Ehemann Franz Wurst im Weg gestanden war. Vor allem weil sie verhindern wollte, dass ihr Ehemann den jungen Mann mit teuren Geschenken aushielt.
Täter war selbst jahrelang missbraucht worden
Worin die Gegenleistung bestand, wurde beim Verhör offenkundig. Der Bursche gab an, von Wurst seit Jahren sexuell missbraucht worden zu sein. Und er beteuerte, dass er von Wurst zum Mord angestiftet worden sei.

Oberst Hermann Klammer von der Polizei stellte nach diesem Verhör fest: "Für uns ist die Tat an und für sich geklärt. Es liegt ein Geständnis des Tatverdächtigen vor".
Die Öffentlichkeit reagiert fassungslos auf den zu Tage tretenden Mord- und Missbrauchsfall
Erste Opfer meldeten sich zögernd
Der pensionierte Primarius wird elf Tage nach dem Vorfall festgenommen und in Untersuchungshaft überstellt. Mit Fassungslosigkeit registriert die Öffentlichkeit die Vorgänge, die auch die Vergangenheit aufwühlen.

Bei der Staatsanwaltschaft melden sich zögernd Personen, die Wurst in ihrer Kindheit begegnet sind und bei denen Wurst Eindrücke hinterlassen hat, die noch Jahre nachwirken. 38 Personen kommen zusammen.
"Er hat mich Genitalbereich angefasst..."
Sie alle gaben an, von Wurst in verschiedenen Erziehungs- und Erholungsheimen als Kinder missbraucht worden zu sein: "Er hat mich dann im Genitalbereich und am After berührt. Das passierte während der gesamten drei Wochen meines 'Erholungsurlaubes'", erzählte ein männliches Opfer.
Wurst: "Alles was an Vorwürfen gegen mich gesagt wurde, ist nicht war"
Primarius wies alle Vorwürfe zurück
Da keine Flucht-, Widerholungs- und Verdunkelungsgefahr mehr vorlag, wurde die Untersuchungshaft bis zum Prozess wieder aufgehoben.

Der pensionierte Primarius nutzte die Zeit zur Imagepflege: "Erst jetzt kommen da all die Erinnerungen. Alles was an Vorwürfen gegen mich gesagt wurde, ist nicht war", sagte Wurst damals.
6.868 Euro Entschädigung für jedes Opfer
17 Jahre Haft für Wurst
Bei der Gerichtsverhandlung wurde der Fall in 73 Verhandlungstagen aufgerollt. Wurst wurde wegen Anstiftung zum Mord zu 17 Jahren Haft verurteilt. Der mittlerweile 21 Jahre alte Täter wurde wegen Mordes zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Das Land Kärnten zahlte den 38 Missbrauchsopfern eine Entschädigung von 261.000 Euro. Das sind durchschnittlich 6.868 Euro für jedes einzelne Opfer.
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