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MI | 11.04.2012
Silke Hasser, Peter Turrini (Bild: APA/Stefan Zoltan)
Stadttheater
"Jedem das Seine": Premiere
Die Todesmärsche ungarischer Juden Ende des Zweiten Weltkriegs sind Thema von "Jedem das Seine - Eine Volksoperette", die am Donnerstag am Stadttheater uraufgeführt wird. Autoren sind Peter Turrini und Silke Hassler.
"Es funktioniert", Hassler und Turrini über ihre gemeinsame Autoren-Arbeit.
"Theaterstück mit Musik"
Wer eine klassische Operette erwartet, liegt allerdings falsch. "Die korrekte Bezeichnung wäre 'ein Theaterstück mit Musik'", so Turrini im Gespräch mit der APA. Dass zwei Autoren ein Stück schreiben, kommt vor, allerdings nicht sehr häufig. Auf die Frage, wie die Zusammenarbeit funktioniert habe, reagieren Hassler und Turrini amüsiert.
Jahrelang Material gesammelt
"Die Tatsache, dass wir hier als Paar zusammen sitzen, zeigt, dass es funktioniert hat", sagt der 62-jährige Kärntner, der in Retz im Weinviertel lebt. Die Erstfassung des Stücks schrieb Hassler, "weil ich gerade mit 'Mein Nestroy' sehr im Druck war", so der Autor. Zudem hatte seine 1969 in Klagenfurt geborene Lebensgefährtin bereits jahrelang Material zum Thema der Todesmärsche gesammelt:

"Es ist ein ganz wichtiges Thema für Österreich, die ganze Republik fußt darauf, was in diesen letzten Kriegstagen geschehen ist."
Szenenfoto Jedem das Seine (Bild: APA/Stefan Zoltan)
Das Stück ist ein Versuch, das "anonyme Grauen in die Realität zurückzuholen".
"Material hat uns erschlagen"
Das Thema sei aber in den vergangenen Jahrzehnten "merkwürdig verdeckt" worden, erst in den letzten Jahren hätten sich jüngere Historiker mit der Causa befasst.

Hassler: "Wir haben lange keine künstlerische Form gefunden, eine dokumentarische Bearbeitung wäre nicht das Richtige gewesen." - "Das Material hat uns in einer gewissen Form erschlagen", ergänzt Turrini.

Die nun gewählte Form des Theaterstücks sei der Versuch, das "anonyme Grauen in die Realität zurückzuholen". Für ihn ist es schlüssig, die "österreichische Fassung des Holocaust" mit einer Operette zu kombinieren.
Jüdische Häftlinge spielen "Wiener Blut"
Das Autorenpaar bringt 20 jüdische Häftlinge auf die Bühne, die in einem Stadel irgendwo in Österreich auf ihren Weitermarsch warten. Eine Bäuerin aus der Umgebung bringt ihnen zu essen, und es entsteht die Idee, dass die Häftlinge eine Operette aufführen, nämlich "Wiener Blut".

Mit untauglichen Mitteln wird das Projekt angegangen, langsam geraten alle in den Bann dieser Idee, während draußen noch der Krieg wütet. Sogar der Bauer, ein aufrechter Nazi mit kaputtem Bein, lässt sich von dem Sog mitziehen und bietet irgendwann dem jüdischen Schneider sogar einen Schluck aus seiner Bierflasche an.
Mit Happy End würde das Stück laut Turrini nicht funktionieren.
Kein Happy End
Der Krieg geht zu Ende, man wünscht sich einen glücklichen Ausgang, aber den gewähren Hassler und Turrini dem Publikum nicht. "Mit einem Happy End würde das Stück nicht funktionieren", begründet Turrini die Entscheidung der Autoren, dass der Stadel am Schluss in Brand gesteckt wird - mit den Häftlingen darin.
Bedrohlich und unterhaltsam
"Das Szenario ist bedrohlich und unterhaltsam zugleich", so Hassler. Turrini wollte die Dörfler "schon differenziert zeigen", denn "eine klassische Täter-Opfer-Geschichte wäre uninteressant", wie Hassler anmerkt. So wählte man "ein bisschen eine Märchen-Dramaturgie" mit der abgeschlossenen kleinen Welt des Stadels.

Das Dröhnen der Kampfflugzeuge oder Auftritte des Dorfgendarmen öffnen sporadisch die Tür zur Außenwelt, aber sehr dosiert, die Hermetik der Szenerie bleibt gewahrt.
Roland Neuwirth (Bild: APA/Stefan Zoltan) Komponist von Anfang an eingebunden
Eigentlich war die Entstehung von "Jedem das Seine" ja eine künstlerische "Menage a trois", denn Komponist Roland Neuwirth war von Anfang an in die Arbeit eingebunden. "Ich habe Teile des Stücks bekommen und meine Musik geschrieben", erklärt der mit seinen Extremschrammeln bekannt gewordene Musiker.

Das Konzept habe ihm gleich gefallen, denn "der Gedanke der Operette ist, dass man mit dem Lackschuh einen Schritt vorm Abgrund steht".
Text und Musik entstanden miteinander
Er habe beim Komponieren den Text "ständig vor Augen gehabt", sagt Neuwirth im Gespräch mit der APA. "Ich habe etwas komponiert und dem Turrini eine CD geschickt, dann hab ich wieder den nächsten Akt bekommen und weiterkomponiert."

Geschrieben hat Neuwirth "in Volkstonalität", atonale Musik "interessiert mich nicht". Man dürfe seiner Ansicht nach nicht gegen die Zuhörer und gegen die Instrumente schreiben. "Es ist viel leichter, schwierige Musik zu schreiben als einfache".
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