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MI | 21.03 | 16:37
Sigbert Ramsauer (Bild: ORF)
Biographie eines KZ-Arztes
"Ich war mit Freuden dabei" sagte der Klagenfurter Arzt Sigbert Ramsauer, ehemaliger SS-Hauptsturmführer und zuletzt Lagerarzt im KZ-Loibl. Nun erschien eine Biographie des Mannes, der viele Jahre lang eine Praxis führte.
Zynische Aussagen. Kein Unrechtsbewusstsein
"Ich war mit Freuden dabei" ist auch der Titel des Buches über das Leben von Sigbert Ramsauer. Er zeigte kein Unrechtsbewusstsein, keine Scham. Zitat: "An den hippokratischen Eid hab' ich dabei sicher nicht gedacht." Der SS-Hauptsturmführer und zuletzt Lagerarzt am KZ-Loibl führte von 1956 bis 1990 eine Praxis in Klagenfurt. Die beiden Kärntner Historiker Lisa Rettl und Peter Pirker verfassten die Biografie, eine österreichische Geschichte.
Das Lager neben der Baustelle Loibl (Bild: ORF)
Arbeiter kamen aus dem KZ Mauthausen. Harte Arbeitsbedingungen
Ende 1942 gab Gauleiter Friedrich Rainer den Ausbau einer zentralen Nord-Süd-Verbindung über den Loibl bekannt. Die notwendigen Arbeiter wurden vom KZ Mauthausen zur Verfügung gestellt. Die Arbeitsbedingungen waren hart - Staub, Hunger, Erschöpfung, Kälte und kaum medizinische Versorgung. Sigbert Ramsauer war ab August 1943 SS-Lagerarzt am KZ Loibl.
Baustelle und KZ (Bild: ORF)
Lisa Rettl (Bild: ORF)
"Er war durchschnittlich"
Lisa Rettl: "Ramsauer war in vielerlei Hinsicht durchschnittlich. Er war weder ein besonders sadistisch ausgeprägter Charakter, er war nicht wahnsinnig ehrgeizig, was die medizinische Ausbildung betraf. Aber er konnte innerhalb des Systems Karriere machen. Er hat sich selbst als normal empfunden."
Peter Pirker (Bild: ORF)
"Für drei tote Häftlinge verantwortlich"
Peter Pirker: "Er hat experimentelle Operationen durchgeführt an manchen Häftlingen, das hat ihn persönlich interessiert. Es sind Häftlinge, die er für diese Operationen benutzt hat, durch Injektionen von ihm getötet worden. Es ist ihm im Prozess 1947 in Klagenfurt eindeutig nachgewiesen worden, dass er mindestens für drei Häftlingsmorde verantwortlich war."
Viele setzten sich für den Arzt ein. Für andere Taten nicht verurteilt
Sigbert Ramsauer wurde am 10. Oktober 1947 zu lebenslanger Haft verurteilt. Aber für die Beteiligung an möglichen anderen Straftaten in den Lagern Gusen, Dachau, Neungamme und Mauthausen wurde er nie vor Gericht gestellt.

Viele waren bereit, sich für SS-Hauptsturmführer aus Klagenfurt einzusetzen: der Direktor der Männerstrafanstalt Garsten oder Hans Fertlitsch, der 1. Landeshauptmannstellvertreter und auch Ferdinand Graf, Staatssekretär im Bundesministerium für Inneres.

Am 1. April 1954 wurde er aus Krankheitsgründen begnadigt und vorzeitig entlassen.
Das Lager wird archäologisch aufgearbeitet. Gut gehende Praxis geführt
1954 bis 1956 arbeitete Ramsauer am Landeskrankenhaus Klagenfurt und brachte es bis zum Chefarzt. In der Klagenfurter Innenstadt führte er jahrzehntelang eine gut gehende Praxis.1991 starb er.

Direkt neben dem viel befahrenen Tunnel lag das Lager Nord des KZ Loibl. Erste archäologische Arbeiten wurden begonnen, das Lager wird langsam wieder sichtbar, wie auch das Leben von Sigbert Ramsauer.
"Kärnten heute"!, 2. Dezember 2010